Predigt Dr. Hendrik Hoppenstedt MdB am Freitag, 31. Oktober 2014 in der Stiftskirche zu Wunstorf

(Es gilt das gesprochene Wort)

Kanzelgruss: Gnade sei mit Euch und Frieden von dem, der da ist, der da war und der da kommt.

Liebe Gemeinde,

dass ich einmal in dieser altehrwürdigen Stiftkirche in Wunstorf, die mich immer etwas an Luthers Reformationshymne „Ein feste Burg ist unser Gott“ erinnert, predigen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber in diesem Jahr behandelt die EKD in Vorbereitung auf 500 Jahre Reformation in 2017 das Verhältnis von Reformation und Politik. Und da gibt es natürlich die kirchliche und die politische Sichtweise.

Und deswegen stehe ich heute Abend vermutlich vor Ihnen, weil ich etwas zur politischen Sicht sagen soll. Der zweite Grund, warum ich hier stehe, ist eindeutiger: Herr Superintendent Hagen hat mich schon vor recht langer Zeit darum gebeten. Das mag daran liegen, dass ich einige Jahre Bürgermeister meiner Heimatstadt Burgwedel war und jetzt Abgeordneter des Deutschen Bundestages bin und zugleich wie Sie auch Mitglied der evangelischen Landeskirche Hannover. Diese Schnittmenge, das erwähne ich zur Ehrenrettung von Herrn Hagen, war wohl ausschlaggebend.

Was erwartet Sie in dieser Predigt inhaltlich? Ich möchte mich der Frage widmen, wie Luther das Verhältnis von Kirche und Staat sah und ob er dieses Verhältnis durch die Reformation nachhaltig beeinflusst und ob diese Sichtweise auch für mich persönlich noch heute Gültigkeit hat.

Natürlich waren vor 500 Jahren die Verhältnisse anders: Staat und Kirche waren, trotz Jahrhunderte langer Kämpfe zwischen Papst und Kaiser um die Vorherrschaft, eng verwoben, war wechselseitig der eine das Instrument des anderen, und es ging eigentlich meistens um Herrschaft und Macht.
Auch Luther und die Reformation waren nicht frei davon, brauchte doch Luther die Fürsten zu seinem Schutz und zur Durchsetzung seiner revolutionären Ideen wie auch die Fürsten die Ideen Luthers zur Stärkung ihrer Macht gegenüber dem Kaiser brauchten.

Aber in seiner Schrift „Von weltlicher Obrigkeit, wieweit man ihr Gehorsam schuldig ist“ von 1523 geht Luther das Thema grundsätzlich an: was ist die Aufgabe der weltlichen Obrigkeit, heute würden wir sagen derjenigen, die politische Verantwortung haben? Und was ist im Verhältnis dazu die Aufgabe der Kirchen?

Anlass für die Entstehung dieser Schrift war das Verbot, die von ihm verfasste erste Übersetzung des Neuen Testaments, die er im Jahr zuvor auf der Wartburg hergestellt hatte, zu erwerben bzw. zu verkaufen. Die Herzöge von Bayern und Sachsen sowie der Kurfürst von Brandenburg, hatten es erlassen. Sie hatten sich damit ganz massiv in Glaubensfragen eingemischt.

In seiner Schrift entfaltet Luther seine Lehre von den zwei Regimentern: dem geistlichen und dem weltlichen, den zwei Arten, durch die Gott die Welt regiert, um Ordnung zu schaffen und zu erhalten. Luther stellt die Frage: was tut Gott eigentlich, um den Menschen und seine Welt vor dem Chaos zu bewahren und ihn zu erhalten?

Und seine Antwort ist zweigeteilt: Auf der einen Seite –zur Rechten, das ist die wichtigere- steht Gottes Wort. Dadurch werden die Menschen gepackt und überzeugt, darauf zu hören und entsprechend zu handeln.

Auf der anderen Seite, da sagt Luther realistisch, „ist oft unter tausend nicht einer, der so – also nach dem Worte Gottes - lebt“, und deshalb bedarf es des weltlichen Regiments, heute würden wir sagen: Parlament, Regierung und Verwaltung, damit die Ordnung aufrechterhalten bleibt.

Dies sind die Vorboten der Trennung von Kirche und Staat. Und die fordert Luther aus seinen Erfahrungen heraus, weil er der Machtzusammenballung nicht traut: Wenn die eine Seite ohne die andere alleine herrscht, geht es den Menschen nicht gut. Und das ist nicht nur ein Problem des ausgehenden Mittelalters. Wie recht er hat, haben wir im 20. Jahrhundert gesehen, in dem gottlose politische Systeme herrschten, und wir sehen es heute wieder, wo die Welt von religiösen Fanatikern terrorisiert wird: „keins (der beiden Regimenter) ist ohne das andere genug in der Welt“.

Und so kann die Kirche ihren Auftrag nicht erfüllen ohne einen für Recht und gerechte Ordnung sorgenden Staat. Und das darf sie nicht selbst tun, anderenfalls wird daraus eine religiöse Diktatur.

Dieser Staat mit seinen Organen und den handelnden Personen dient ebenfalls dem gemeinen Wohl, dem Nächsten. Nach Luther ist diese Gemeinwohlorientierung ebenfalls Gottesdienst, also Dienst zum Lobe Gottes und Gottes Dienst an den Menschen. Das gilt im Übrigen für alle Berufe, die zum Wohle anderer eingesetzt werden. Das ist das berühmte lutherische Arbeitsethos: der Begriff „Berufung“, der bis zur Reformation nur religiösen und kirchlichen Aufgaben vorbehalten war, wird von Luther nun für alle Tätigkeiten, die zum gemeinen Nutzen führen, verwendet. Und zu ihm sind alle Christen verpflichtet.

Das findet sich in der Bibel an verschiedenen Stellen wieder: Schon in den ersten christlichen Gemeinden wird diese Haltung betont. Petrus schreibt in seinem ersten Brief: „Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat“. Oder im Jeremia im Alten Testament: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich habe Euch wegführen lassen.“

Dieses Lutherische Arbeitsethos hat zur Überwindung mittelalterlichen Denkens und zu ungeheurer Blüte der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Herausbildung eines modernen Staatswesens, letztlich auch der Demokratie geführt. Die EKD hat 1985 diesen lutherischen Berufsgedanken aufgenommen und ihn unserer demokratischen Rechtsform gemäß auch angewandt auf die politische Verantwortung jedes Christen. Die politische Mitwirkung auf allen Ebenen gehört demnach ebenfalls zu jenem Gottesdienst, zu dem wir zum Dienst am Nächsten berufen sind. In diesem Sinne ist auch selbst die Beteiligung an einer Wahl Teil dieses uns verordneten Gottesdienstes.

Und der Grundgedanke, der in diesen Versen, aber auch in den Gedanken Luthers zum Ausdruck kommt, ist das, was mich leitet, mich politisch zu engagieren. Es ist das Wissen, einen kleinen Beitrag zum Wohlergehen der Bürger, unseres Gemeinwesens, leisten zu können. Das klingt leicht ein wenig pathetisch, gelingt auch nicht immer, wird gerne missverstanden, aber für mich gilt: wenn einer auf einem bestimmten Gebiet etwas kann, ob man es Fähigkeit, Talent oder Gabe nennt, mag jeder selber entscheiden – dann ist es eine Verpflichtung, etwas daraus zu machen. Sonst verweigert er sich zu Lasten seiner Mitmenschen.

Dieses Engagement darf ruhig Freude machen. Nirgendwo steht, dass öffentliche Aufgaben nur den Verdrießlichen vorbehalten sind. Es macht natürlich mehr Freude, wenn man erfolgreich ist. Oder allgemein Beifall findet. Oder gewählt oder wiedergewählt wird. Aber das ist natürlich nicht immer der Fall.

Das liegt sicherlich auch daran, dass man gelegentlich Fehler macht oder nicht immer den richtigen Ton findet. Aber es ist auch nicht selten notwendig, Entscheidungen zu treffen, die unpopulär sind oder deren Richtigkeit nur schwer zu kommunizieren ist. Wenn man nicht nur Wohltaten verteilen kann, dann wird es ungemütlich, und in der Politik heißt das nicht selten Abwahl und Verlust der beruflichen Existenz. Oder wie Luther sagt: „Er muss sich auf viel Neid und Leid darüber einstellen“.
Aber wenn auch diese Tätigkeiten Gottesdienst sind, dann sind sie von Gott gewollt und somit auch vor ihm zu verantworten.

Und damit bin ich beim geistlichen Regiment: Es darf keine weltliche Macht, keine Herrschaft, kein Regieren ohne verantwortungsethisches Handeln geben. Ich will damit nicht sagen, dass die kirchlichen oder christlichen Anschauungen heute die einzigen Maßstäbe sein können für verantwortliches ethisches Handeln. Dazu ist die Welt viel zu pluralistisch geworden, auch unsere Gesellschaft. Aber der christliche Glaube liefert Wertevorstellungen, die als Handlungsmaxime bei der Ausübung staatlicher oder gesellschaftlicher Macht unabdingbar sind.

Liebe Gemeinde, der Schwerpunkt meiner Tätigkeit liegt im Rechtsausschuss, dessen ordentliches Mitglied ich bin. Mehr Gesetze werden nirgends vorbereitet als dort, handwerklich ist das das Paradies für jeden Juristen. Und daher weiß ich, dass sowohl das Erlassen von Gesetzen als auch später dessen Einhaltung und Anwendung ohne ein gemeinsames Verständnis über Werte in unserer Gesellschaft auf Dauer nicht möglich sind. Wir haben das in den letzten Jahren beim Entstehen der Finanzkrise und deren Handhabung gesehen: Vieles von dem, was gemacht wurde, war nicht strafbar, aber es war unmoralisch. Der Gesetzgeber will jetzt vieles gutmeinend regeln, aber das führt im Ergebnis nur dazu, dass als erlaubt gilt, was nicht explizit verboten ist. Es sei denn, es gibt ein Grundverständnis über das, was man tut und was nicht, es sei denn, es herrscht Vertrauen. Ohne Treu und Glauben läuft in Wirtschaft, Gesellschaft und letztlich in der Politik nichts. Oder ich denke an die beginnende Diskussion und die schwierige gesetzgeberische Frage bei der Hilfe zur Selbsttötung. Hier wird jeder Abgeordnete sein Gewissen genau befragen müssen, und hier kann, hat der christliche Glaube Wegweisungen zu geben.

Deshalb müssen wir uns wieder stärker darauf besinnen, dass unser Recht eine ähnliche Entwicklungsgeschichte hat wie unsere Ethik und unsere gesamte Kultur: alle speisen sich aus den gleichen Quellen, und die sind in unserem Abendland christlich-jüdisch. Der Gottesbezug im Grundgesetz und auch in der Niedersächsischen Verfassung mahnt doch ausdrücklich an, dass auch die Politik sich vor Gott als letzter Instanz rechtfertigen muss und nicht nur vor sich selbst.

Und das meint Luther mit den Worten „Keins der beiden Regimenter ist ohne das andere genug in der Welt.“

Aber wenn ich zum Schluss diesen Satz Luthers noch einmal in den Zusammenhang mit dem Petrus-Wort 1.10, 4 stellen darf, dann stellen wir fest, dass dieser Auftrag nicht nur an den einen oder anderen geht, dem Verantwortung anvertraut ist, und die anderen achten darauf, dass der das auch ja einhält. Es ist nicht nur der Auftrag an beide Regimenter, die Kirche und den Staat und damit an Bischöfe, Pastoren, Angeordnete oder Bürgermeister. Dies ist ein Auftrag an alle, an mich, an Euch, an uns. Da gibt es kein „die da oben und wir hier unten“, da gibt es nur ein „wir alle als Gemeinschaft.“ Es ist das Gegenseitigkeitsprinzip, ohne das eine Gesellschaft, ein Staat, eine Staatengemeinschaften und selbst die Kirche auf Dauer nicht auskommen: „Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat“. Das bedeutet für die Politik und die Kirche: Setzt Euch ein! Geht raus und seht Euch um, was in der Welt geschieht und was die Menschen in unserem Land beschäftigt. Stellt Euch auch den unbequemen Fragen, hinterfragt Euch kritisch und habt Mut, für Eure Überzeugungen zu kämpfen, auch wenn es mal nicht auf den ersten Blick für eine Mehrheit reicht.

Und für Sie, heute Abend? Dienet einander, das meint: Schau erst einmal, wo Deine Fähigkeiten liegen und fange dann an, mit diesen Fähigkeiten dort zu wirken, wo sie benötigt werden und wo Du nicht gleich die ganze Welt retten kannst, aber doch Deinem Umfeld ein menschlicheres Gesicht geben kannst. Ob beim Einsatz für Deinen einsamen Nachbarn, die Gebrechlichen und Kranken, die Trauernden, die Armen und ganz aktuell die vielen Flüchtlinge, die traumatisiert aus so vielen Teilen der Welt bei uns Schutz suchen, auch in Wunstorf. Stell´ Dein Licht nicht unter den Scheffel, engagiere Dich und trag Deinen Teil für die Gemeinschaft und Deine Stadt bei. Und ein letztes Zitat von Luther: „Wenn ich heute wüßte, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Auch wenn das wahrscheinlich gar nicht von Luther stammt, mich bewegt diese Zuversicht und Lebensfreude, heute noch die Ärmel hochzukrempeln und das Morgen zu gestalten.

Kanzelsegen: Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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Predigt vom 31. Oktober 2014

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